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4. Juni 2026 · Führung

Führung heißt loslassen

Wer im Maschinenraum die Kohlen schippt, kann oben auf der Brücke nicht gleichzeitig den Kurs halten. Ein Bild, das ein Führungsthema auf den Punkt bringt, das in der Logistik oft übersehen wird.

Inhalt

Mir ist neulich ein Bild begegnet, das mich nicht mehr losgelassen hat. Sinngemäß: Wer im Maschinenraum die Kohlen schippt, kann oben auf der Brücke nicht gleichzeitig den Kurs halten. Ein einfaches Bild, aber es trifft einen wunden Punkt, den ich in der Logistik immer wieder beobachte.

Es geht um Führung. Genauer gesagt um eine bestimmte Art von Führungskraft, die es gut meint und trotzdem das Falsche tut. Ich möchte das hier nicht als Vorwurf formulieren, sondern als Beobachtung und als Appell. Denn ich glaube, dass viele Führungskräfte in diese Falle tappen, ohne es zu merken.

Ein Bild, das sitzt

Ein Schiff funktioniert nur, wenn beide Ebenen ihre Aufgabe erfüllen. Unten im Maschinenraum wird die Energie erzeugt, hart und konkret. Oben auf der Brücke wird navigiert, der Kurs gehalten, das Wetter im Blick behalten. Beides ist wichtig. Aber es sind zwei grundverschiedene Aufgaben, und niemand kann sie gleichzeitig erledigen.

Wer als Kapitän ständig in den Maschinenraum rennt, um selbst Kohlen zu schippen, vernachlässigt die Brücke. In dieser Zeit steuert das Schiff niemand. Das klingt offensichtlich, wenn man es auf ein Schiff überträgt. Im Betriebsalltag passiert aber genau das, jeden Tag, in vielen Unternehmen.

Vom besten Praktiker zur Führungskraft

Die meisten Führungskräfte in der Logistik kommen aus der Operative. Das ist kein Zufall und auch nichts Schlechtes. Sie waren gute Disponenten, gute Sachbearbeiter, gute Praktiker. Sie kennen die Abläufe, sie kennen die Kunden, sie wissen, wo die Probleme liegen. Genau diese Stärke hat sie nach oben gebracht.

Und genau hier liegt die Wurzel des Problems. Die Fähigkeit, selbst hervorragend anzupacken, ist eine völlig andere als die Fähigkeit, ein Team anpacken zu lassen. Der beste Stürmer wird nicht automatisch der beste Trainer. Der beste Disponent wird nicht automatisch der beste Führungskopf. Das sind zwei verschiedene Berufe, auch wenn sie in derselben Person stecken können.

Wer aufsteigt, muss umlernen. Das, was ihn ausgezeichnet hat, das eigene Tun, muss er zu einem großen Teil abgeben. Das fällt schwer. Es fühlt sich an wie Kontrollverlust. Und in stressigen Phasen ist die Versuchung groß, zurück in die alte Rolle zu fallen, in der man sich sicher fühlte.

Die Fähigkeit, selbst anzupacken, ist eine andere als die Fähigkeit, ein Team anpacken zu lassen.

Gut gemeint ist nicht gut geführt

Was ich besonders wichtig finde: In den allermeisten Fällen ist die Absicht gut. Die Führungskraft, die sich ins Tagesgeschäft einmischt, will helfen. Sie will entlasten, ihr Wissen einbringen, das Team unterstützen. Das ist ehrenwert. Aber die Wirkung ist oft das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war.

Wenn jemand von oben ständig in die operative Abwicklung eingreift, entstehen mehrere Probleme auf einmal:

Der letzte Punkt wiegt für mich am schwersten. Eine Führungskraft, die alles selbst regelt, macht ihr Team auf Dauer schwächer, nicht stärker. Sie schafft Abhängigkeit statt Kompetenz. Und sie wundert sich dann, warum nichts läuft, wenn sie mal nicht da ist.

Was Führung eigentlich bedeutet

Führung heißt nicht, alles selbst zu können. Führung heißt, dafür zu sorgen, dass andere es können. Das ist ein fundamentaler Unterschied, und er entscheidet darüber, ob ein Team wächst oder stagniert.

Eine gute Führungskraft gibt Richtung vor, setzt Prioritäten und schafft die Rahmenbedingungen, unter denen das Team gut arbeiten kann. Sie räumt Hindernisse aus dem Weg, sie sorgt für klare Verantwortlichkeiten, und sie hält den Kunden und die Zukunft im Blick, während das Team das Heute bewältigt. Das ist die Arbeit auf der Brücke. Sie ist weniger sichtbar als das Kohlenschippen, aber sie ist genauso wichtig.

Das heißt nicht, dass eine Führungskraft nie eingreifen darf. Natürlich gibt es Situationen, in denen es nötig ist, in denen Erfahrung gefragt ist oder in denen es brennt. Aber das sollte die Ausnahme sein, nicht der Normalzustand. Der Unterschied liegt zwischen punktueller Unterstützung und permanentem Mitregieren.

Die Grenze zwischen Helfen und Einmischen

Wo verläuft die Grenze? Ich glaube, eine gute Faustregel ist die Frage nach dem Auslöser. Hilft die Führungskraft, weil das Team darum bittet oder weil eine echte Notlage besteht? Oder mischt sie sich ein, weil sie es selbst nicht aushält, die Kontrolle abzugeben? Der erste Fall ist Unterstützung. Der zweite ist ein Bedürfnis der Führungskraft, das auf dem Rücken des Teams ausgetragen wird.

Wer ehrlich zu sich ist, spürt den Unterschied. Es geht darum, dem Team zu vertrauen, auch wenn es Dinge anders macht, als man selbst es täte. Anders ist nicht gleich schlechter. Und manchmal ist anders sogar besser, weil die Leute näher dran sind als die Führungskraft, die schon eine Ebene weiter oben sitzt.


Mein Appell: Vertraut dem Maschinenraum

Ich schreibe diesen Text nicht, um auf Führungskräfte einzudreschen. Im Gegenteil. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die Führungsverantwortung übernehmen, gerade in einer Branche, die so unter Druck steht wie unsere. Aber ich glaube, dass viele sich selbst und ihren Teams einen großen Gefallen tun würden, wenn sie das Bild vom Schiff ernst nehmen.

An alle, die führen: Vertraut eurem Maschinenraum. Die Leute dort unten wissen, was sie tun. Sie sind gut, sonst wären sie nicht da. Was sie von euch brauchen, ist nicht, dass ihr ihnen die Schaufel aus der Hand nehmt. Was sie brauchen, ist jemand auf der Brücke, der den Kurs hält, der das Wetter kommen sieht und der ihnen den Rücken freihält.

Das ist schwerer, als es klingt. Es bedeutet, eine Stärke loszulassen, die einen ausgezeichnet hat. Es bedeutet, Kontrolle abzugeben und Vertrauen zu schenken. Aber genau das ist der Sprung vom guten Praktiker zur guten Führungskraft. Wer ihn schafft, führt ein Team, das auch dann läuft, wenn der Chef mal nicht hinschaut. Und das ist am Ende das beste Zeugnis, das man sich als Führungskraft ausstellen kann.

Sichtbarkeit beginnt mit klarer Kommunikation

Ich bin Marco Paikert. Seit 2006 in der Logistik, und mit MaPai Media helfe ich Speditionen und Logistikunternehmen, ihre Themen klar und glaubwürdig nach außen zu tragen – auf LinkedIn, im Blog und im Newsletter.

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